Schrödingers Katze 

In freudiger Erwartung eines trashigen Horrorfilms mit einem wahren Unicorn (zu gut um wahr zu sein), aber auch des etwaigen, romantischen Resultats von ein, zwei Gläsern Rotwein, entschloss ich mich letzten Freitagabend ausnahmsweise einmal nicht in den Ritzen der Gesellschaft abzutauchen und die rege Wiener Lokalszene aufzusuchen. Ich entschied mich gegen Party und für hausgemachte Palatschinken.

Es ist fast genau ein Jahr vergangen, seit Benjamin und ich uns auf „Tinder“ kennengelernt und zwei Monate lang freundschaftlich gedated haben. Der Kontakt brach ab, als er völlig aus dem Nichts und unbegründet Schrödingers Kiste öffnete: Als wir eines Abends in seiner Wohnung vor dem Fernseher saßen, ein Gläschen Wein genossen und uns seine Lieblingspornos ansahen fragte er mich: "Du, was ist das eigentlich zwischen uns?" Wow, eine der Phrasen, die jeder Mann dringend aus seinem Sprachgebrauch streichen sollte!

"Du, was ist das eigentlich zwischen uns?"

Zur Erinnerung: Das physikalische Gedankenexperiment bekannt als "Schrödingers Katze" beruht auf der obskuren Annahme, dass eine Katze in eine Stahlkiste mit einem kleinen bisschen radioaktivem Material gesperrt ist. Solange man nicht in die Kiste sehen kann, weiß man aber nicht, ob das radioaktive Material die Katze schon erledigt hat und Herr Schrödinger nimmt daher an, dass sie lebendig und tot zugleich ist. Es ist ein Paradoxon, dessen physikalischen Sinn wir jetzt nicht erörtern wollen, denn wir benutzen es als Metapher für zwischenmenschliche Konstrukte. Bei Beziehungs-Kisten ist es nun so, dass das radioaktive Material mit dem Öffnungsmechanismus der Kiste verbunden ist. Macht man die Kiste auf, krepiert die Katze mit an Unendlich grenzender Wahrscheinlichkeit. Die flauschige, kleine Katze dient als Bildnis für die Beziehung zwischen Benjamin und mir. Es lief großartig, bis zu dem Zeitpunkt, an dem er es unbedingt wissen musste. Er fragte mich, ob unsere Beziehung lebendig oder tot sei, er öffnete die Kiste und stierte hinein. Klappe auf, Katze tot. Die Logik dahinter erklärt sich von selbst, würde die Beziehung nämlich leben, müsste er gar nicht erst danach fragen, er müsste nur die Kratzspuren auf seinem Rücken zählen.

Würde die Beziehung nämlich leben, müsste er gar nicht erst danach fragen, er müsste nur die Kratzspuren auf seinem Rücken zählen.

Ein Jahr nach dieser unglücklichen Begebenheit hatte Benjamin aus seinem Fehler gelernt. Wir aßen Palatschinken mit Schlagobers und Erdbeeren, tranken Wein und kuschelten uns auf der Couch zusammen zum Netflixen und Chillen. Er hantierte an diesem Abend nicht an der Kiste herum, er umarmte mich einfach und zeigte mir auf der Hookup-App „Tinder“ Frauen, mit denen er gerade so schrieb. "Die eine war zu fett, mit der wollte ich nicht schlafen", er zeigte mir ein hübsches, durchschnittlich genährtes Mädchen Mitte Zwanzig. Ich dachte an meine eigenen Rundungen: "Wenn die fett ist, was bin dann ich?". "Auch ein bisschen fett, aber bei dir ist halt mehr zum lieb haben da".

Kaum hatte er den Satz ausgesprochen war ich auf den Beinen, warf ihm einen herabwürdigenden Blick zu und zog schnellstmöglich von dannen. Hinter mir hörte ich noch: "Ich hab‘s wieder versaut, oder? Aber diesmal zumindest mit Stil!" Ich rief meine beste Freundin Cylvie an und wir wählten das Gürtellokal Loop für eine Krisensitzung aus. Wir kippten ein paar Drinks und lästerten über Männer, die uns erzählen wollen, wie unsere Körper zu sein hätten, nachdem sie uns mit Palatschinken gefüttert hatten.

Aber was war mit dem wunderschönen Unicorn Benjamin passiert? War er doch nur ein perfektes Fabelwesen, das nur in meiner Fantasie existierte? Hatte er sich im letzten Jahr eine Orthorexia nervosa, eine Gesund-Ess-Störung, eingefangen, oder ist er unter die Pick-up-Artists gegangen und hatte gedacht, er imponiert mir mit seinem herabwürdigenden Gehabe?

"Geiler Arsch, Süße!" 

Auf jeden Fall hat mir Benjamin diesen Freitagabend gehörig ruiniert. Niedergeschlagen, von der Welt enttäuscht und leicht betrunken schlurften Cylvie und ich zur U-Bahn. Beim Vorbeigehen begafften uns drei Burschen, doch von Männern wollten wir an dem Abend nichts mehr wissen. Als sich einer von ihnen nach uns umdrehte und rief: "Geiler Arsch, Süße!" passierte das Undenkbare. Elektrifiziert durch die Glückshormone die diese schlechteste aller Anmachen in mir freisetzte, drehte ich mich um und schaute in sein schuldbewusstes Gesicht: "Du hast so recht, mein Arsch ist großartig. Du hast mir den Tag gerettet! Danke!" Der Bursche, der zuvor noch schnell das Weite suchen wollte, grinste plötzlich bis über beide Ohren und erklärte mir, dass mein Hintern genau die richtige Größe hätte und machte dabei mit seinen Händen eine Knet-Bewegung. Er gratulierte auch meiner Freundin zu ihrem knackigen Hintern und lud uns auf ein Getränk in die Loco Bar ein - eine Geste, die wir freundlich ablehnten. Höflich wünschte er uns noch einen wunderschönen Abend während wir in Gelächter ausbrachen und uns zu unseren Hintern beglückwünschten.

PS: Ich entschuldige mich hiermit bei allen Frauen, die eventuell von besagten jungen Herrn Komplimente zu ihren Hinterteilen bekommen. Ich habe ihm wohl gelehrt, dass es richtig ist, weibliche Körperteile zu kommentieren. Aber bitte seid gnädig zu ihm, er hat immerhin meinen Freitagabend gerettet und an Freitagabenden zählt jede glückliche Minute.

 

Hier geht es zu Teil #2 und Teil #3 von Gspusis & Spritzer! 

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