KEM, bekannt unter dem Bühnennamen Kerosin95, ist gerade mit einer neuen EP (Trans Agenda Dynastie) und neuer Bandbesetzung auf Tour - letzten Sonntag konnte man die außergewöhnliche Live-Show im WUK erleben. Hinter Kerosin 95 steckt aber viel mehr, als die bloße Liebe zur Musik - politische Texte und das Starkmachen für Queers und Transpersonen stehen auf der täglichen Agenda. Ein Kampf für die Gleichberechtigung, der noch lange nicht ausgekämpft ist. Wir durften am Nachmittag vor der Show mit Kem über das musikalische Projekt, die Ziele und Ideen dahinter, die Beziehung zu Wien und vieles mehr sprechen. 

 

1. Du bist als Kerosin95 eine Person des öffentlichen Lebens - deine Texte sind ziemlich politisch - würdest du dich selbst als Vorbild bezeichnen? 

Das finde ich als Selbstbezeichnung sehr komisch - wenn ich sagen würde: "Hey, ich bin Kem und ich bin Vorbild für... " - also wenn mir das Leute zurückgeben, dass ich das bin, dass ihnen meine Performance etwas gibt und sie meine Person feiern, dann freut mich das. Aber als Selbstbezeichnung find ich das ein bisschen komisch. Und ich mag mir das nicht rausnehmen, das zu beurteilen - sondern ich bemesse das am Feedback das ich bekomme. 

 

2. Was ist der Hauptgrund für dich Musik zu machen? 

Mhmm da gibt es viele Beweggründe - erstens ist das meine Lohnarbeit, das heißt ich zahle damit meine Miete. Es ist als kunstschaffende Person mein Ausdruck, um künstlerisch und kreativ arbeiten zu können. Es ist aber auch viel mehr als nur Ausdruck, auch mehr als politischer Ausdruck. Ich überleg mir, was ich rüberbringen will, mit wem ich zusammenarbeiten will - es ist ein kleiner Kosmos, dieses Projekt.

Auch welche Bühne ich wie nutze - und damit meine ich nicht nur die Konzert-Bühne, sondern auch die Social Media-Bühne - die Attention, die ich gerade immer mehr bekomme. Aber ich bin auch immer am Herausfinden, was ich mit dem Projekt machen will, das ist kein linearer Weg, das kann sich auch noch ändern. Aber jetzt ist es auf jeden Fall politische & künstlerische Bühne auf vielen Ebenen. 

 

3. Du bekommst durch deine Person und deine Message viel Aufmerksamkeit. Kann es sein, dass dadurch deine Musik ein wenig in den Schatten gestellt wird? 

Also für mich nicht. Und wenn das bei anderen Menschen so ist, kann auch das auch was Gutes sein. Wenn sie nur meine Social Media Person kennen und nicht meine Musik, finde ich das auch cool. Je nachdem wie die unterschiedlichen Kanäle von den unterschiedlichen Menschen genutzt werden, gibt es auch unterschiedliche Zugänge zu dem Projekt. Und das ist ja auch gut!

 

4. Du sprichst dich in deinen Texten ja oft recht klar und deutlich gegen cis Männer aus - glaubst du nicht, dass man den Kampf für Gleichberechtigung auch mit ihnen führen kann/soll? 

Ja, voll, wenn weiße hetero cis Männer mit allen Privilegien daran arbeiten, dass sie wissen wo ihr Platz ist - nämlich nicht auf den Demos ganz vorne, sondern auf der Demo ganz hinten, und wenn sie ihre Privilegien reflektieren und sich wirklich damit auseinandersetzen, was es heißt zu unterstützen und nicht einfach nur zu sagen: "Ich bin Feminist und der Lauteste auf der Demo und ich steh oben ohne auf der Demo in der ersten Reihe." Das ist zwar lieb gemeint, aber sie bekommen trotzdem Kritik, weil sie haben nichts zu suchen in der ersten Reihe. 

Genauso müssen weiße, hetero cis Frauen wissen wo ihr Platz ist, wenn es um Kämpfe für Transpersonen und Kämpfe für Queers geht. Ich muss mich genauso hinten anstellen, als Weißbrot, in Kontexten, in denen es um Rassismus geht und mich damit auseinanderzusetzen. 

 

5. Wie würdest du deine Musik beschreiben? 

Ich könnte dir jetzt eine ORF2 Antwort dazu geben - wenn du willst? (lacht) Nein ich würde sagen, meine Musik steht für alles worüber ich dann in den Interviews rede. Also für mich steht sie für sehr viel, auch für sehr Persönliches, was ich auch nicht mit jeder Person reden würde. Aber es geht auch darum, wie sie wahrgenommen wird. Vielleicht denken sich irgendwelche weißen hetero cis Typen "was ist das für eine anstrengende Geschichte, das ist voll gemein, da wird ja voll gehasst." Und ich so: "Ja korrekt, ich disse euch ja auch damit."

Aber meine Musik kann auch bestärken und ich glaube, es ist einfach sehr individuell, was damit transportiert werden kann. Ich will mir oft gar nicht anmaßen solche großen Fragen zu beantworten - weil das liegt im Auge des/der Betrachter*in. Und es macht halt einen Unterschied ob sie sich eine Trans-Person anhört oder irgendein Jürgen, der gar nichts checkt. Oder auch irgendein lieber Sebastian, der dann aber leider trotzdem oben ohne beim Konzert steht. 

 

6. Nun zu Wien: Magst du Wien? Wie ist die Stadt in deinen Augen?

Also ich wohn seit vielen Jahren da und ich finde... es passieren viele schöne Sachen, aber das Leben für mich als queere Person, als Trans-Person - die Orte, die Räumlichkeiten, die mir da zur Verfügung stehen zum wirklich chillen, wo ich mich wohl fühle - sind außerhalb meiner Wohnung sehr begrenzt. Und ich wünsche mir für Wien, für die Größe, die diese Stadt hat, dass irgendwann mal mehr passiert - gerade was Räume für queere Personen angeht, ist das schon eine traurige Landschaft. Da wohnen 2 Millionen Leute - dafür ist es in diesen Belangen echt ein bisschen wie ein Dorf. 

Aber aus einer künstlerischen Perspektive: es passiert viel in der queeren Szene in Wien, auch wenn diese medial nicht soviel Aufmerksamkeit erhält. Da tut sich echt viel und das finde ich großartig - aber es wäre wichtig, dass mehr Geld zur Verfügung wäre. Und vor allem wäre es wichtig, auch außerhalb vom Pride-Month, strukturell die Kunst von Queers anzuerkennen. 

Also ja - Wien ist geil - aber da gibt's noch viel zu tun!

 

7. Lieber Alte oder Neue Donau?

Beides. 

 

8. Und bist du aufgeregt wegen dem Konzert? 

Jaa ich bin aufgeregt, ich freu mich. Es ist ausverkauft, ich habe Bock, wir sind motiviert und es wird lustig. 

 

Am 2.6. findet noch das letzte Konzert der Tour in München statt!