Die Wiener gehen ins Kaffeehaus, weil sie nicht zu Hause, aber auch nicht an      der frischen Luft sein wollen.

Egon Friedell

 

Diese Treffpunkte der Intellektuellen der Wiener Moderne sind heute leider vor allem Touristenmagneten, aber einige von ihnen haben sich dennoch einen Abglanz ihres einstigen Ruhms erhalten. Gönnt euch doch mal wieder einen schönen Kaffee mit Zeitung und schwelgt im nostalgischen Andenken an ein längst vergangenes Wien, in dem man ins Kaffeehaus ging, um unter Menschen allein zu sein, wie es der Schriftsteller und Kaffeehaus-Bewohner Alfred Polgar so schön auf den Punkt gebracht hat.

Beim Lesen dieser Liste möchte man es Stefan Zweig gleichtun, einem der besten Chronisten Wiens vor dem zweiten Weltkrieg:

Täglich saßen wir dort stundenlang, und nichts entging uns. 

 

Café Central

Herrengasse 14, 1010 Wien

Der Schriftsteller Alfred Polgar hat das Café Central mal als eine Weltanschauung bezeichnet, womit deutlich wird, welchen Stellenwert dieses Café in der Herrengasse, heute sehr sehr teuer und mit Touristen gefüllt, einst für den Kreis der Wiener Moderne hatte. Früher verbrachten hier Stammgäste wie Sigmund Freud, Adolf Loos (der es auch entworfen hat), Hugo von Hoffmannsthal, Musil, Schnitzler, Kafka und Stefan Zweig ihre Tage und manchmal auch Abende. Die Gäste sind heute vielleicht nicht mehr so schillernd und interessant — schön ist das Café Central aber immer noch. Wer es sich leisten kann, kann ja sein nächstes Buch dort schreiben, oder gleich einen Literaturzirkel gründen: 

Es gibt Schaffende, denen nur im Central nichts einfällt, überall anderswo weit weniger

so Polgar in seiner Theorie des Café Central.

 

Hawelka

Dorotheergasse 6, 1010 Wien

DER Mittelpunkt der Künstlerszene in den 60er Jahren. Hier haben sich mal H.C. Artmann, Hundertwasser und Helmut Qualtinger an den berühmten (und immer noch genialen) Buchteln gelabt. Trotz Rauchverbot — gegen das sich das Hawelka unter Berufung auf Denkmalschutz (der Rauch gehört nunmal ins Kaffeehaus!) erfolglos gewehrt hat — immer noch angenehm düster und heimelig. Nur Nackerte sieht man leider nicht mehr so oft. 

 

Griensteidl

Michaelerplatz 2, 1010 Wien

Das Café Griensteidl war mal der Treffpunkt der Autorengruppe Jung-Wien rund um Literaten wie Hermann Bahr, Hugo von Hoffmannsthal, Arthur Schnitzler oder Felix Salten (ihr wisst schon, Bambi & die Mutzenbacher). Das ehemalige Geschäftslokal wurde leider abgerissen und 1990 wieder neu aufgebaut — inzwischen hat es den Betrieb eingestellt und dafür ist das Pop-up Projekt "Rien" eingezogen. Mehr dazu gibt es hier.

 

Bräunerhof

Stallburggasse 2, 1010 Wien

Sehr wienerisches Kaffeehaus. Wenn man so dasitzt, seine Melange trinkt, eine Zeitung aus der umfangreichen Sammlung auswählt, bei etwaigen Telefongesprächen in eine eigene kleine Telefonkabine verbannt wird, dann meint man fast, den ehemaligen Stammgast Thomas Bernhard in einer Ecke vor sich hinschimpfen hören zu können.

 

Café Museum

Sterngasse 2, 1010 Wien

Das Café Museum zählte zu den berühmtesten Literatencafés Wiens - oder vielleicht sogar der Welt. In der von Adolf Loos gestalteten Einrichtung machten es sich hier u.a. die Maler Gustav Klimt, Egon Schiele und Oskar Kokoschka oder Schriftsteller wie Elias Canetti, Hermann Broch, Robert Musil und Karl Kraus gemütlich. Doch von Gemütlichkeit oder von Loos‘ Originalität ist hier heute leider nicht mehr allzu viel zu spüren ... 

 

Café Korb

Brandstätte 9, 1010 Wien

Das Café Korb ist seit Jahrzehnten legendär, vor allem dank seiner illustren Besitzerin Susanne Widl, einem Wiener Original: Als Künstlerin und Muse lockten sowohl sie als auch ihr Kaffeehaus Gäste wie Andy Warhol, Peter Weibel, Falco oder Hermann Nitsch an. Und laut Stammkundin Elfriede Jelinek soll auch der Apfelstrudel ganz toll sein.

 

honorable mention: Café Herrenhof

existierte in der Herrengasse 10, 1010 Wien

In der Herrengasse befand sich früher das Café Herrenhof, in welchem unter anderen Friedrich Torberg oder Joseph Roth schrieben, tranken, lasen. Torberg, ein verlässlicher Chronist der Wiener Befindlichkeit, verewigte das Herrenhof in seiner Anekdotensammlung Die Tante Jolesch und stellte es als den Mittelpunkt des Wiener Literatur- und Geisteslebens dar. 2006 wurde es leider für immer geschlossen, nachdem es allerdings bereits in den 60er Jahren einen würdigen Nachfolger als „Szene“-Treffpunkt im Café Hawelka gefunden hatte. 

 

Nicht nur wurde (und wird) Literatur im Kaffeehaus gelesen, geschrieben, verbreitet — es gibt auch einiges an Literatur über das Kaffeehaus. Von Peter Altenbergs Schriften über das Kaffeehaus bis hin zu Franz Werfels Kaffeehausliteraten oder Anton Kuhs Schilderungen des Geisteslebens im Literaturcafé... Kaffeehäuser und ihre Besucher bieten immer Stoff für gute Geschichten. Und selbst wenn nicht:  Sollte euch doch mal in einem Café fad sein, dann gibt es immer noch eine Menge von Zeitungen oder Büchern, die man dort konsumieren kann, geschweige denn natürlich Unmengen von Koffein.

Andere schöne Kaffeehäuser findet ihr hier.

 

Header- und Einleitungsbild: Von Carl von Zamboni (wirkte zwischen 1870 und etwa 1900, Geburts- und Todesdaten unbekannt) - Blickfänge einer Reise nach Wien - Fotografien 1860-1910. Ausstellungskatalog des Wien Museum 2006., Gemeinfrei, 

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