Steckbrief Karmeliterplatz

Das schönste Eck: Der Schanigarten des Reichsapfels
Das Skurrilste: Die Besucher des Café Magistrats
Das musst du gemacht haben: Im Tachles einen Café Sospeso für einen Bedürftigen spenden

 

Neben dem Karmelitermarkt 

Während am Samstagvormittag die halbe Leopoldstadt zum teilweise recht uncharmanten Karmelitermarkt pilgert, vergessen die meistens, dass es nur 300 Meter weiter eigentlich viel schöner ist. Rund um die Karmeliterkirche gibt es vier wunderbare Lokale, einen süßen Shop und in unmittelbarer Nähe noch weitere besuchenswerte Locations.

 

Verliebt ins Tachles

Spaziert man vom Schwedenplatz die Tarborstraße hinunter, stößt man nach nur 5 Minuten auf die frühbarocke Karmeliterkirche aus dem 17. Jahrhundert. Wer auf prunkvolle, goldverzierte Altäre steht, sollte unbedingt hineinschauen, alle anderen biegen noch vor der Kirche links ab und suchen sich im immer vollen Tachles einen kleinen Tisch.

Das Tachles ist vor allem im Winter eines meiner absoluten Lieblingslokale. Am Abend ist es schön schummrig, es gibt weder ein Designkonzept noch eine inoffizielle Kleiderordnung. Die Poster an den Wänden sind ähnlich wild zusammengewürfelt wie das Publikum, die Kellnerinnen herzlich und die Pierogi – gefüllte polnische Teigtaschen mit gerösteten Zwiebeln – lassen sind wunderbar teilen, sofern man genug bestellt hat.

Im großen Keller gibt es regelmäßig Programm von Theaterstücken bis Konzerte und wer möchte, kann ein zweites Getränk oder eine kleine Speise für einen Bedürftigen spenden. Der sogenannte „Caffè Sospeso“ wird dann an der Tafel vorm Eingang vermerkt.

Wem das Tachles zu dunkel ist, sollte ein Haus weiter ins Harvest schauen. Das vegetarische Bistro ist das helle, freundliche Gegenstück, es gibt einen ausgezeichneten Sonntagsbrunch und gesunde Mittagsmenüs.

 

Dolce Vita in der Spezerei

Die schöneren Schanigärten, weil weiter von der Taborstraße entfernt, gehören der Spezerei und der Schank zum Reichsapfel (siehe Start-Bild). Ersteres ist ein Delikatessengeschäft mit winziger Bar und großer Terrasse für ein älteres, feinschmeckendes und höchst italophiles Publikum. Küche und Weinkeller erzeugen authentisches Dolce Vita, der italienische Wein schmeckt hervorragend, das Essen ebenso gut. Aus der Vitrine darf man sich Vorspeisen wie Prosciutto, Panchetta oder Spianata zusammenstellen und das Tagesgericht ist meistens irgendwas Gutes mit Pasta.

 

Stadtheuriger mit großer Terrasse

Nur wenige Meter weiter hat vor eineinhalb Jahren ein neuer, zu Recht hochgelobter Stadtheurige eröffnet, der nicht nur wegen seines gewöhnungsbedürftigen Namens wirkt, als hätte es ihn schon zu Kaisers Zeiten geben. Die Schank zum Reichsapfel sorgt am Karmeliterplatz für einen Ausgleich zwischen Fleisch und Veganem. Der Falstaff schrieb, Vegetarier müssen sich hier mit Senfgurke und Pfefferoni begnügen (stimmt nicht ganz, es gibt auch Liptauer). Auf der Karte findet man neben Schopf- und Kümmelbraten eine hervorragende Brettljause mit vorwiegend Kärntner Spezialitäten. Innen extrem urig mit Holzvertäfelung und Kachelofen, draußen sitzt man herrlich unter Bäumen.

Zwischen diesen zwei kulinarischen Welten liegt die „Wuntertüte“, ein kleiner Shop mit einem bunten Sammelsurium an Kleidung, Schmuck, Geschenken und Wohnaccessoires. Wie der überlebt, ist eine andere Frage, aber wenn man nicht weiß, was man der Tante zum runden Geburtstag schenken soll, wird man hier bestimmt fündig.

 

Rund um den Platz

Geht man die Taborstraße einige Meter weiter, findet man zwei beliebtere Shops. Hannibal bietet ein ähnlich wild durchmischtes Sortiment an überteuerten Dingen, die niemand braucht und die sich gerade deswegen so gut als Geschenk eignen: von exklusiver Schokolade, über hübsche Karten bis zu House Doctor Wohn- und Bloomingville Küchenaccessoires. Vor allem am Samstag immer bummvoll. Im „Luv the shop“ gleich daneben wird man richtig nett bedient und verlässt die Boutique nur selten ohne einen Schal, ein Shirt oder Sommerkleidchen.

Wer Wien in den 80ern nur aus Falco-Musikvideos kennt, wird im Café Magistrat eines Besseren belehrt. Hier hat sich in den letzten Jahrzehnten nichts verändert: Vergilbte Vorhänge, die Kellnerin so geschert Wienerisch, wie man es nur noch aus Erzählungen kennt, die ketterauchenden Gäste zwielichtig und das Essen weitestgehend geschmacksneutral.

Ganz anders ist das Katscheli gleich um die Ecke. Jung, frisch, freundlich, stylish und extrem sympathisch. Es gibt Frühstück, Snacks, Freitag- und Samstagabend sogar verschiedene Tapas. Optimal um mit Freunden auf ein paar Bier zu gehen oder tagsüber ganz in Ruhe Zeitung zu lesen.

 

Grätzl Food

Am Morgen: Kaffee und Zeitung im Katscheli
Zu Mittag: Veganes Curry im Harvest
Zum Bier: Pierogi im Tachles
Zum Wein: Brettljause in der Schank zum Reichsapfel

 

Miriams Fazit

Ich liebe das Karmeliterviertel wegen der unfassbar guten Auswahl an Restaurants und der heterogenen Zusammensetzung seiner Einwohner: Juden, Türken, Bobos existieren hier mit- und nebeneinander. Und spätestens wenn man sich nicht mehr verwundert nach dem rollerfahrenden Juden mit ausladendem Fellhut umdreht, gehört man dazu. Der Karmeliterplatz ist auf jeden Fall eines der sympathischsten Mini-Grätzl innerhalb des Karmeliterviertels.

 

Header- und Einleitungsbild: By Peter Gugerell (Own work) [CC0], via Wikimedia Commons

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