In Wien gibt es viele Orte, an denen man sich inspiriert fühlen kann. Vor allem von den klassischen Kaffeehäusern macht keines ein Geheimnis draus, welche Köpfe hier früher rauchten: Stefan Zweig, Gustav Mahler, Sigmund Freud, aber auch Elias Canetti, Arthur Miller oder Andy Warhol gehören zu den berühmten Gästen, die in mit Café-Präfix geschmückten Institutionen wie Café Central, Sperl, Hawelka, Landtmann, Bräunerhof oder Frauenhuber ein und aus gingen. 

Aber wo findet man auch heute in Wien noch den lebendigen Geist der Kunst? In welchen Lokalen trifft man Künstler aus Fleisch und Blut? Für alle, die selbst noch nach ihrer Nische suchen oder diejenigen, die schon immer eine verwegene Affäre mit einem kreativen Genie – Obacht, Prädikat latent egozentrisch – haben wollten, hier eine kleine Typologie, die euch verrät, wo ihr wen findet: 

 

Kaffee Alt Wien

Bäckerstraße 9, 1010 Wien

Wen?

Lars ist ein Mann im besten Alter und international angesehener Regisseur, vorwiegend bekannt für gesellschaftskritische Sozialstudien und einen nischigen Dokumentarfilm über das Sexualleben der Winkerkrabbe. Eigentlich lebt er zwischen Oslo und Berlin, zu Festivals und Premieren führt es ihn aber immer wieder in europäische Hauptstädte. 

Was?

Im Alt Wien ist der Zigarettenrauch einstiger Genies wie in einem riesigen Aschenbecher gespeichert: In der dezimeterdicken Schicht aus Film- und Theaterplakaten, die die Wände überzieht, klebt wahrscheinlich noch das Nikotin aus Trotzkis Zigarettenspitze – und der Geist von Kunst und Skandal weht auch noch umher. Die von Leopold Hawelka 1936 eröffnete Kaffeehaus-Institution ist deshalb heute wie damals ein beliebter Treffpunkt für Künstler, Schriftsteller und Journalisten. 

 

Café Anno

Lerchenfelder Straße 132, 1080 Wien

Wen?

Leonard ist Mitte 30 und hat drei unvollendete Romane in der Schublade. Tagsüber verzweifelt er an seinem vierten, nachts kommt er ins Café Anno, wo er sich mit Ricard betrinkt und jedem, den es interessiert, von seiner Schreibblockade vorheult.  

Was?

Im Café Anno trifft sich die Wiener Bohème: In den zwielichtigen, ehemals verrauchten Ecken fühlt sich jeder wohl, der gerne schwarze Rollkragenpullover trägt und zum Feierabendbier lieber über Hegel und Foucault diskutiert als über E-Roller und ECTS-Punkte. Sonntags gibt es ALSO, den Anno Literatur-Sonntag, mit Lesungen und Musik. 

 

Loos Bar

Kärntner Durchgang 10, 1010 Wien

Wen?

Friedrich-Leopold und seine Frau Sophia schätzen an der Kunst vor allem, dass sie auch reich machen kann: Er ist im Kunsthandel tätig, sie rahmt die teuren Stücke fürs Schlafzimmer und hilft bei der Vermögensverwaltung. 

Was?

Die von der Architektur-Legende Adolf Loos gestaltete American Bar ist mit 27 Quadratmetern die kleinste Bar Wiens, doch gerade dadurch gibt sie einem das erhabene Gefühl, Zutritt zu einer sehr ausgesuchten Welt erhalten zu haben. Zwischen Holz, Messing, Glas und Onyx nippt man am besten am Cosmopolitan und lässt gekonnt nonchalant den Blick schweifen: Im legendärsten Wohnzimmer der Stadt waren schon Stars wie John Malkovich, Mick Jagger oder Angelina Jolie und Brad Pitt zu Gast. 

 

Futuregarden

Schadekgasse 6, 1060 Wien

Wen?

Simon ist Ende 20 und macht experimentelle Video-Installationen. Seit er aus Berlin weggezogen ist – zu anonym –, verfolgt er seine „Projekte“ in der österreichischen Hauptstadt. Die ist auch skateboardfreundlicher. 

Was?

Kein Wunder, dass der Futuregarden bei der kreativen Szene Wiens beliebt ist: Im improvisierten Hybrid aus Bar und Kunstraum treffen ausgewählte DJ-Sets und Visuals, Berliner Minimalismus und billiges Bier aufeinander – das zieht auch zuverlässig die Leute an, die in der Galerie nebenan noch auf eine Vernissage waren. 

Auf der nächsten Seite findet ihr die passenden Lokale für die Filmstudenten Konstantin und Lena, ehemalige Rockstars und Schauspieler, bei denen es nicht so läuft.

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