Violetta Schmidt (45)

... steht in der kleinen, fensterlosen Kleiderkammer der Gruft. Sie wischt gerade die Regale sauber. Das Licht taucht den Raum in ein gelbliches Licht; es riecht nach Desinfektionsmittel.

Violetta ist eine von tausenden Obdachlosen in Wien. Wie viele es genau sind kann man nicht sagen, denn nicht alle nutzen Hilfseinrichtungen wie die Gruft. Und jährlich werden es mehr. Bei einem großen Teil handelt es sich um Jugendliche und junge Erwachsene, die von einem Tag auf den anderen kein Dach mehr über dem Kopf haben. Auch bei Violetta kam es überraschend. Sie hatte eine Familie, fünf Kinder, eine Wohnung und arbeitete als Assistenz der Abteilungsleitung im Krankenhaus - und dann kam die Scheidung. Plötzlich konnte sie sich die 895 Euro teure Miete nicht mehr leisten, drei Monate später kam dann die Zwangsräumung. Die Schulden blieben. Ihre fünf Kinder nicht. Ihre vier Söhne waren damals bereits ausgezogen, Kontakt hat sie aber seitdem keinen mehr mit ihnen. Mit ihrer obdachlosen Mutter wollten sie nichts zu tun haben. Auch wegen der Scheidung und gegenüber Violettas neuen Freund hegten sie Groll. Vorübergehend zu ihnen zu ziehen war keine Option. Auch ihr neuer Freund konnte sie nicht aufnehmen. Er kam ebenfalls gerade aus einer Beziehung und wohnte noch mit seiner Exfreundin zusammen. Außerdem hatte der Kroate damals noch keinen europäischen Pass, was die Situation zusätzlich erschwert hat. Also packte sie die Sachen, die sie noch hatte und ging. Sich Hilfe zu suchen braucht viel Überwindung. Ihren Freunden wollte sie keine Bürde sein, deshalb versuche sie sich selbst durchzuschlagen. 

Die Suche nach einer Bleibe

Violettas Tochter war damals erst 15 Jahre alt und zog zunächst mit ihrer Mutter und deren Freund in eine betreute Wohngemeinschaft. „Aber Kinder sind gemein“, sagt Violetta. Ihrer Tochter war es immer peinlich, sie lud nie Freundinnen ein und wollte irgendwann lieber zu ihrer Großmutter ziehen. Ohne Kind durfte Violetta nicht im betreuten Wohnen bleiben. Sie und ihr neuer Freund brauchten also eine andere Bleibe. Der nächste Halt ist eine weitere betreute Wohngemeinschaft. Diesmal nur für Erwachsene. Die meisten von ihnen drogensüchtig. Lange hielt Violetta es dort nicht aus, sie fühlte sich unsicher und unwohl. Drogen hat sie während ihrer Zeit als Obdachlose nie genommen und auch nur selten Alkohol getrunken. Drogen sind auch in der Obdachlosenszene nicht unbedingt Normalität. Alkohol dann schon eher. Besonders im Winter hilft er vielen, die Kälte zu überstehen. Nie hätte Violetta jemanden dafür verurteilt, sich in den Alkohol oder in Drogen zu flüchten. In der Wohngemeinschaft bleiben wollte sie trotzdem nicht. Sie und ihr Freund landeten wieder auf der Straße. 

Auf der Straße ist es gefährlich als Frau.

 

Betteln war für Violetta nie eine Option

Violetta spricht von „großem Glück“, wenn es um ihren Freund geht. Lange Zeit war er der einzige Mensch an ihrer Seite. Sie weiß nicht, was ohne ihn mit ihr passiert wäre. Auf der Straße ist es gefährlich als Frau. Beschimpft und bespuckt zu werden sind noch die harmlosesten Dinge. Man braucht Freunde, um zu überleben, besonders als Frau. Die Obdachlosen schließen sich in Gruppen zusammen, damit in der Nacht nichts passiert. Zum Schlafen suchen sich die Leute gemeinsame Plätze, um sich gegenseitig zu beschützen. Viel Schlaf bekommt man aber nicht. Immer wieder kommt die Polizei und schickt einen weg. Untertags schliefen Violetta und ihr Freund am Westbahnhof, im Bus, in der Straßenbahn, in einem Zelt auf der Donauinsel. Alles andere als bequem oder sicher und auch nicht immer warm. Deshalb ist Violetta so dankbar für Tageszentren und Notunterkünfte wie die Gruft. Manchmal gibt es keinen Schlafplatz mehr, aber meistens kommt man dort unter. Und Violetta wüsste nicht, wo sie ohne Gruft wäre. Vor zwei Jahren hat sie dort auch einen Job gefunden. Das entlastet sehr. Betteln war für sie nie eine Option - das ließ ihr Stolz nicht zu. Sie arbeitet jetzt in der Kleiderkammer und gibt die gesammelten Sachspenden an die Gäste der Gruft aus. Montag bis Freitag können sich die Menschen neue Kleidung und Hygieneartikel abholen. Allerdings nur zu bestimmten Zeiten. An die Wartenden werden Nummern ausgegeben. Eigentlich bekommen jeden Tag nur 30 Leute eine Nummer, aber so streng nimmt Violetta das nicht. Sie bleibt, bis alle bekommen haben, was sie brauchen, denn im Winter kann es lebensgefährlich werden, nicht gut ausgestattet zu sein. Auch am Wochenende kommen vereinzelt Leute vorbei, die neue Socken, Schuhe oder Jacken benötigen. Wenn genug davon da ist, wird alles bereitwillig hergegeben. 

Violetta hat seit 2 Jahren einen Job bei der Gruft.

Und Gewand ist tatsächlich genug da. Zumindest von den offensichtlichen Dingen, wie Jacken oder Pullover. Was fehlt ist Unterwäsche, im Winter besonders lange Unterhosen. Und - woran laut Violetta kaum jemand denkt - Kosmetikartikel für Frauen. Schminke gibt es fast gar keine und die wäre nicht nur für das Selbstbewusstsein wichtig. „Da kommen motivierte Frauen herein, die ein Vorstellungsgespräch haben, putzen sich dafür heraus und dann können sie sich nicht einmal schminken“, erzählt Violetta. Auch Essen wird immer gebraucht. Die Gruft bietet drei Mal am Tag eine Mahlzeit an, für jeden der einen Platz findet. Die Regel: Jeder bekommt nur eine Portion. Verhungern muss aber niemand. Bleibt Essen übrig, wird es zwischen den fixen Essenszeiten ausgegeben. 

 

Drei Monate lang war das für Violetta und ihren - mittlerweile Ehemann - der Alltag. Dann kamen sie endlich im Haus St. Josef unter. Das bedeutet: Eine Meldeadresse und ein eigener Hausschlüssel. „Es sind die ganz kleinen Dinge, die einem dann fehlen. Wie das Geräusch eines Schlüssels. Das kann man sich ohne es erlebt zu haben gar nicht vorstellen“, sagt Violetta. Und eine neue Meldeadresse bedeutet auch: endlich eine Chance auf einen fixen Job. Violetta will wieder als ärztliche Assistenz ins Spital und hat bereits Vorstellungsgespräche. Jetzt heißt es sparen, bis die Schulden abbezahlt und eine Kaution angespart ist. Den Plan einer gemeinsamen Wohnung mit ihrem Mann gibt es schon länger. Aber immer wieder gab es Schicksalsschläge, die das verhindert haben. Ein Arbeitsunfall zum Beispiel, bei dem ihr Mann sich das erste Glied sämtlicher Finger einer Hand abtrennte. Als Entschädigung bekam er gerade mal 1.400 Euro. Nicht einmal genug, um die Schulden abzubezahlen. Aber mit einem fixen Job können sich Violetta und ihr Mann vielleicht endlich eine gemeinsame Wohnung mieten. 

Die Meisten haben einfach nur einen schlechten Tag erwischt, sagt Violetta.

Violettas Geschichte ist kein Einzelschicksal. „Die Meisten haben einfach nur einen schlechten Tag erwischt“, sagt Violetta. Das Bild des alten, saufenden Obdachlosen, der auf der Straße herumlungert, entspricht schon längst nicht mehr der Realität. Viele sind junge Erwachsene oder sogar Jugendliche, die aus einem schlechten Elternhaus kommen. Die meisten Gäste der Gruft erzählen dasselbe: Ein Schicksalsschlag, die Miete war nicht mehr leistbar und, hat man keinen Meldezettel, fällt es schwer wieder ins Berufsleben einzusteigen. Von der Gemeinde bekommt man kaum oder gar keine Hilfe. Man fühlt sich alleine gelassen und ist darauf angewiesen, von Einrichtungen wie der Gruft aufgefangen zu werden. Besonders im Winter sind sie überlebenswichtig. Bei niedrigen Temperaturen kann eine Nacht unter freiem Himmel tödlich sein. Genau deshalb sammelt die Caritas momentan Spenden für die Caritas-Winterpakete. Sie sollen dafür sorgen, dass so viele Menschen wie möglich Schlafsäcke bekommen, die gegen die eisigen Temperaturen schützen und das Überleben sichern sollen. 

 

Hier kannst du für das Winterpaket der Caritas spenden. 

Wenn du eine obdachlose Person in der Kälte siehst, ruf das Kältetelefon der Caritas unter dieser Nummer an: 01-480 45 53

 

Hier geht’s zu den Storys von Visi und Fipsi.

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Kultur, 1.6.15