Kind, Abschluss, Karriere und das genau in dieser Reihenfolge

Die Studienzeit gilt wohl für viele als Gipfel der persönlichen Freiheit. Unter der Woche bis in die Morgenstunden im Lieblingslokal feiern, ausschlafen und dann gemütlich in die Bibliothek spazieren, mal eine Vorlesung auslassen oder kurzfristig ein paar Tage wegfahren? Das ist meistens kein Problem und lässt sich wohl nie wieder so gut ausleben, wie während des Studiums. Abseits dieser Vorstellung sitzen an unseren Unis und Fachhochschulen allerdings auch Studierende, die ihren Alltag nicht nach Lust und Laune planen können, denn an erster Stelle stehen nicht mehr sie selbst, sondern das eigene Kind.

Vor allem in späteren Semestern kommt es durchaus vor, dass man auf studierende Mütter und Väter trifft. Dass sie angestarrt werden, wenn der Nachwuchs während der Lehrveranstaltung auf dem Schoss sitzt oder die Kolleginnen und Kollegen es nicht nachvollziehen können, wenn man abends statt in die Bar zu gehen zum Gute-Nacht-Geschichten lesen nach Hause muss, liegt wohl auch daran, dass das Thema kaum angesprochen wird. Im Allgemeinen werden Studierende und Kinder eben eher selten miteinander in Verbindung gebracht.

Doch was ist mit denjenigen, die sich ihren Kinderwunsch bereits in der Studienzeit erfüllen wollen? Jenen, bei denen nicht alles nach Plan verlaufen ist? Oder allen, die sich trotz Kindern weiterbilden möchten? Warum haben sie sich dafür entschieden? Wie schaffen sie es Lernen, Social Life und Erziehung unter einen Hut zu bekommen und wie kinderfreundlich sind Wiener Hochschulen eigentlich? In diesem Artikel erzählen drei Hochschulabsolventinnen, wie der Alltag als studierende Mutter aussieht und räumen gleichzeitig mit einigen Vorurteilen auf. 

 

Nachwuchs mit oder ohne Bedenken?

Oft wird schwangeren Studentinnen der baldige Studienabbruch prophezeit, da viele der Meinung sind, dass Studium und Nachwuchs nur schwer zu vereinen sind. Der Alltag während des Studiums ist jedoch durch die höhere Gestaltungsfreiheit oftmals flexibler als bei jemandem, der mit beiden Beinen im Berufsleben steht. Ist diese Lebensphase für die Familienplanung womöglich geeigneter als vermutet? Die 28-jährige Translationswissenschaft-Absolventin Magdalena hat die Entscheidung ihr erstes Kind in der Studienzeit zu bekommen völlig bewusst getroffen. Sie hat allerdings trotzdem darauf geachtet, dass sie es eher in der letzten Phase des Studiums auf die Welt bringt. Magdalena wollte nicht erst in ihren Dreißigern Mutter werden, da sie davon überzeugt ist, dass man in den Zwanzigern körperlich belastbarer ist, als später. "Karriere machen kann man auch, wenn die Kinder älter geworden sind.", sagt sie. 

Die 25-jährige Emina hat Wirtschaftsrecht studiert und ihr erstes Kind in der Studienhalbzeit bekommen. „Ich finde, dass die freie Zeiteinteilung, die man eben fast nur als Studentin genießen kann, den Alltag mit dem Kind sehr erleichtert. Später mit einem Vollzeitjob sieht das anders aus. Klar, das Studium hat etwas länger gedauert, als ursprünglich geplant, da man nach der Geburt eine Pause braucht, aber ich hatte nie das Gefühl, dass ein Abschluss durch ein Baby nicht machbar ist.“, erklärt sie. Auch die heute 37-jährige Anja, die sich mit 31 Jahren im zweiten Bildungsweg für das Studium Technisches Management entschieden hat, betrachtet eine Schwangerschaft während des Studiums absolut nicht als Hindernis. Sie sagt dazu: „Ich bin sogar schon mit der Gewissheit ins Studium gegangen, dass ich jederzeit schwanger werden könnte, mein Partner und ich waren bereits mitten in der Familienplanung.“

FOMO und Veränderungen im Freundeskreis 

Dass man, sobald das erste Baby da ist, eher auf Studenten-Partys oder spontane Drinks mit Freunden verzichtet, ist nicht verwunderlich. Kommt durch diesen Lifestyle-Wechsel das Gefühl auf, dass man etwas verpasst? Emina verrät: „Ganz ehrlich, in Situationen, wo ich abends etwas unternehmen wollte, aber keinen Babysitter parat hatte, habe ich mich schon gefragt, ob ich vielleicht doch zu früh Mutter geworden bin. Das vergeht aber sofort, da man nichts mit der Liebe zum eigenen Kind vergleichen kann.“ Die Beziehung zu ihren engsten Freunden hat sich, seit sie Mutter ist, auch nicht wirklich verändert: „Wir erzählen uns noch immer alles und unterstützten uns, wo es nur geht. Man trifft sich vielleicht nicht so oft wie früher, aber das liegt auch daran, dass alle gerade die eigene Zukunft aufbauen.“

Bei Anja lief es im Freundeskreis leider anders. Sie erklärt: „Es ändern sich durch ein Baby die Interessen und man setzt andere Prioritäten. Manche Freunde verstehen das, sind da für einen und andere eben nicht.“ Magdalena, die ihr Kind mit 25 bekommen hat erzählt, dass sie in dem Alter zwar keinen Bock mehr aufs Fortgehen hatte, sich jedoch oft mehr Flexibilität gewünscht hat. „Ich musste mich in diesen Situationen einfach daran erinnern, dass ICH ein Kind wollte und meine eigenen Wünsche nicht vor die des Kindes stellen werde. Ich habe dadurch aber zum Glück keine Veränderung im Freundeskreis erlebt. Im Gegenteil, meine Freunde lieben meine Kinder!“, stellt Magdalena klar. 

Wie willkommen sind Kinder an Wiener Hochschulen?

Wer keinen Babysitter findet und bei bestimmten Lehrveranstaltungen nicht wieder fehlen darf, ist praktisch dazu gezwungen, das Kind mit an die Uni oder FH zu bringen. Welche Erfahrungen macht man dort als Mutter? Magdalena, die am Zentrum für Translationswissenschaft studiert hat findet, dass das Institut alles andere als kinderfreundlich war. Sie erzählt: „Es gab weder einen Rückzugort zum Stillen, noch zum Wickeln.“ Das auffällige Starren ist ihr ebenfalls sehr negativ in Erinnerung geblieben. Sie wünscht anderen in ihrer Lage einerseits mehr Verständnis vom Lehrpersonal, insbesondere was die Anwesenheit betrifft und dass man vor gleichaltrigen Studierenden nicht das Gefühl bekommen muss, sich für sein Kind schämen zu müssen, wenn man damit auftaucht. "Schwangerschaften und Kinder sollten an Unis oder FHs nicht wie ein Tabuthema behandelt werden", fasst sie zusammen.

Anja, die an der FH Campus Wien studiert hat, hatte mit ihrem Institut mehr Glück. Sie erinnert sich: „Es gab genügend Still- und Wickelmöglichkeiten. Meine Erstgeborene war so lange ich gestillt habe auch immer in meiner Nähe. Meistens haben sich meine Mutter oder mein Partner dafür mit der Kleinen einfach im Gebäude aufgehalten. Das alles war für mich nie ein Problem. Eine Prüfung habe ich sogar stillend geschrieben.“ Emina, die an der WU studiert hat, hat ihre Kinder zwar nicht zu Lehrveranstaltungen mitnehmen müssen, ist aber trotzdem der Meinung, dass ihre Uni kinderfreundlich eingerichtet ist. Sie erzählt, dass es genügend Wickelräume und Aufzüge gibt und sie daher schon oft studierende Mütter auf dem Campus gesehen hat. Besonders beeindruckend findet sie, dass die WU sogar über einen eigenen Kindergarten für Nachwuchs von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie Studierenden verfügt.

Unter dem Punkt "Soziale Einrichtungen" findet ihr hier Tipps und Informationen der Uni Wien zum Studieren mit Kind!

Ratschläge von Mamas mit Abschluss

Der Studentenalltag zwischen Baby und Büchern kann kompliziert sein, aber trotzdem machbarer, als die meisten vermuten würden. Wie kommt man am besten ans Ziel? Die 28-jährige Magdalena antwortet mit den Worten: „Es ist wirklich kein Zuckerschlecken und man sollte definitiv ein gutes Umfeld mit reichlich Babysittern haben, die im Notfall immer einspringen können. Ich würde keinem empfehlen, zu Beginn des Studiums schwanger zu  werden. Es ist ja nicht so, dass man wie in der Karenz einfach zwei Jahre pausiert, sondern weiterstudiert.“ Auch die 25-jährige Emina würde eher davon abraten und so lange warten, bis zumindest die schwierigsten Prüfungen und Seminare abgehakt sind. Sie erklärt: „Man muss sich damit abfinden, dass man durch den Schlafmangel oft unkonzentriert zur Uni geht. Man lernt so aber auch die Zeitfenster, die einem zur Verfügung stehen effektiver zu nutzen. Ich habe meine Bücher immer nur am Abend aufschlagen können, wenn meine Kinder im Bett waren. Solange man Unterstützung hat und nicht faul wird, schafft man den Abschluss schon.“

Die 37-jährige Anja hat, um sich den Studienalltag an der FH zu erleichtern, ihre Kollegen und Vortragenden noch während der Schwangerschaft gefragt, ob es für sie in Ordnung wäre, wenn ihr Kind im Unterricht dabei ist. "Zum Glück hatte keiner ein Problem damit. Sie war ein sehr entspanntes Baby und hat nicht gestört.", erzählt sie. Es ist allerdings klar, dass nur die Wenigsten derart auf die Unterstützung von Studienkollegen oder dem Lehrpersonal zählen können und sich die Befürchtung mit Kindern länger studieren zu müssen bei den meisten auch bewahrheitet. Dazu sagt Magdalena jedoch abschließend: „Man muss sich trotzdem nicht stressen! Wenn es länger dauert als geplant, geht die Welt nicht unter. Wenn man eine Prüfung verhaut, weil man einfach nicht zum Lernen gekommen ist, auch nicht. Ich musste sogar das Bachelorseminar wiederholen und war dann am Ende trotzdem wahnsinnig stolz darauf, dass ich meinen Abschluss auch mit Kindern geschafft habe.“ 

 

 

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