In diesem absurden Jahr ist ja alles nicht ganz so, wie man sich das früher vorgestellt hatte: Jetzt ist 2020 und wir haben eine Pandemie, krude Verschwörungstheorien und jeden Tag eine andere Naturkatastrophe, wobei die Invasion tödlicher Monsterhornissen noch zu den harmloseren zählte. Fühlt sich manchmal irgendwie weniger nach der fortschrittlichen modernen Zeit und mehr nach Mittelalter mit E-Scootern an.

Ganz so weit zurück in der Geschichte muss es nicht gehen, aber tatsächlich gibt es wohl keine Stadt, in der die Zeit derart still steht wie in Wien: Meistens reicht ein Schritt aus der Tür, und schon fühlt man sich wie um ein Jahrhundert zurückversetzt. Das liegt nicht nur an den Fiakern, auch für Wiener Lokale ist auf Onlineportalen eine der beliebtesten Umschreibung „wirkt, als wäre die Zeit stehen geblieben“ – eine Einschätzung, die in Wien im Gegensatz zur gegenwärtigen globalen Gesamtsituation eigentlich immer als Prädikat gewertet werden kann: als nostalgische Flucht nämlich in „die guten alten Zeiten“. Wann auch immer die gewesen sind (auf jeden Fall nicht heute).

 

Tanzcafé Jenseits

Nelkengasse 3, 1060 Wien

Früher war das Jenseits ein Freudenhaus, heute macht es immer noch ziemlich viel Spaß: Im Tanzcafé in der Nelkengasse mit seinen roten Plüschwänden und eigener Zigarrenkarte scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Verraucht ist es seit dem Verbot letzten Oktober zwar leider nicht mehr, verrucht dafür aber umso mehr: Vergoldete Spiegel und versteckte Winkel laden zum offensiven Flirten und geheimen Schmusen ein. Datingapps braucht man hier nicht, hier wird sich noch über Schnaps und konsensuales Grabbeln auf der Tanzfläche kennengelernt – wie in den guten alten Zeiten eben.

 

The Chapel

Haidmannsgasse 8, 1150 Wien

Seit wir in einer Pandemie mit staatlich verordneten Sperrstunden leben, haftet dem nächtlichen Ausgehen ja grundsätzlich schon immer etwas Verwegenes an: Was könnte da besser passen als eine Speakeasy-Bar wie aus den 20ern? Speakeasys, auf Deutsch auch Flüsterkneipen genannt, waren illegale Bars, die zu Zeiten der Prohibition in den USA die durstige Bevölkerung heimlich mit Hochprozentigem versorgten. Heute holt man sich in diesen Bars mit verstecktem Zutritt – mal ist es die Kühlschranktür oder ein Gemälde, hinter der sich eine Tür verbirgt, mal muss man ein geheimes Passwort kennen – den kleinen Kick im Alltag. The Chapel ist die erste und definitiv einer der schönsten Speakeasy-Bar Wiens: Wie man sie genau findet, müsst ihr natürlich selbst herausfinden. Aber wer er geschafft hat, darf sündigen. Denn ihrem Namen getreu ist The Chapel mit Beichtstuhl, Weihrauchfässern und Drinks wie „Die 10 Gebote“ eine kleine Kapelle der Nacht. Amen!

 

Loos Bar

Kärntner Durchgang 10, 1010 Wien

Die Loos Bar oder American Bar entführt euch in eine andere Zeit: Eine Zeit, in der Männer noch Gentlemen waren, Affären noch legendär statt auf Instagram in Echtzeit zu verfolgen und jeder Abend ein Skandal. Tatsächlich ist die 1908 von der Architektenikone Adolf Loos im Stil der Wiener Moderne gestaltete Bar, die aufgrund ihrer Größe – 27 Quadratmeter – von Stammgästen auch liebevoll „Zündholzschachtel“ genannt wird, seit eh und je Treffpunkt der internationalen Stars und dementsprechend sagenumwoben: Warum der Unternehmer und Massenmörder Udo Proksch hier einmal seine Waffe zückte, und in wen sich Quentin Tarantino verliebte, davon flüstern noch die Wände.

 

Kleines Café

Franziskanerplatz 3, 1010 Wien

Eigentlich ist im Kleinen Café nichts bemüht antik oder ikonisch: Aber gerade durch diese selten gewordene unaufgeregte Lässigkeit hat man hier das Gefühl, die Zeit stünde still. Am wunderschönen Franziskanerplatz gelegen ist das in den 70er Jahren von Hermann Czech gestaltete Café im touristisch überteuert und überpolierten ersten Bezirk wie ein Tor zu einer anderen Zeit, in der die Welt noch einfach war: Es ist klein und eng, man rutscht zusammen, bestellt ein Bier und ein Würstel mit Kren und hält die Goschn.

Übrigens: Hermann Czech haben wir auch die wunderbare Wunder-Bar in der Schönlaterngasse 8, ebenfalls im 1. Bezirk, zu verdanken, die den schummrigen Charme des Kleinen Cafés mühelos weiterführt.

 

Café Monic

Gumpendorferstraße 69, 1060 Wien

Zwar wurde das Café Monic, das in den 80er Jahren von Monika und Friedl (die man übrigens auch als Cocktail an der Bar bestellen kann und sollte) eröffnet wurde, in den letzten Jahren neohip erneuert, doch seinen schrulligen Nostalgiefaktor hat sich das klassische Ecklokal definitiv erhalten: Das Monic ist gefühlt mehr Kuriositätenkabinett denn Bar, vom Pistazien- bis zum Sextoy-Automaten ist alles dabei. Und kulinarisch eine Ruheoase für alle, die genug von überteuerten Smashed-Avocado-Quinoa-Bowls in Mariahilf haben: Hier gibt es Toast und Eierlikör im Waffelbecher. Die 80er waren halt kitschig und schrill, aber irgendwie auch geil.

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