Ich kenne verschiedenste Sex-Stellungen, die meine Freundinnen ausprobiert haben. Über ihre Masturbationsroutinen bin ich allerdings kaum informiert. Weibliche Selbstbefriedigung wurde in der Geschichte stigmatisiert, bestraft und ist in vielen Kontexten noch immer tabu. Höchste Zeit damit aufzuräumen und der weiblichen Masturbation den Stellenwert im öffentlichen Diskurs zu geben, den sie verdient.

Weil die weibliche Sexualität enttabuisiert gehört!

Dass weibliche Sexualität in patriarchalen Gesellschaften anders verhandelt wird als die von Männern, hat Geschichte. Jahrzehntelang galt weibliche Selbstbefriedigung als Ursprung allen Übels und sogar als Ursache für psychische Erkrankungen, die mit dem Entfernen der Klitoris therapiert werden sollten. Sexualität wurde seit jeher aus einer männlichen Perspektive definiert. Sigmund Freud, Begründer der Psychoanalyse, ist beispielsweise mitverantwortlich für die Stigmatisierung des Orgasmus durch Stimulation der Klitoris, also genau das was Menschen mit Vulva beim Solo-Sex machen. Er stellte die steile These auf, dass klitorale Orgasmen ein Zeichen für Unreife seien, während die reife Frau sich durch einen vaginalen Orgasmus auszeichne. Spoiler an dieser Stelle: der vaginale Orgasmus existiert gar nicht. Denn in der Medizin hat man(n) lange ignoriert, dass die Klitoris, also das weibliche Geschlechtsorgan, weit mehr als nur der, von außen sichtbare Knubbel (Kitzler) ist und sich im Becken fortsetzt. Frauenkörper wurden als Gebärmaschinen verhandelt. Weibliche Lust zu zelebrieren (und darüber zu sprechen!) ist deswegen auch eine feministische Praxis und ein Mittelfinger in Richtung Patriarchat.

 

Weil es ein Weg ist, deinen Körper und deine Bedürfnisse besser kennenzulernen

Das ist wohl der naheliegendste Effekt von Masturbation. Wer selbst Hand anlegt, kann auch seinen eigenen Körper besser spüren und kennenlernen. Wie soll man sonst auch wissen, was einem gefällt und welche Berührungen bei einem selbst Erregung auslösen. Selbstbefriedigung gehört zum natürlichen sexuellen Erleben und schon als Jugendliche entwickeln viele ihre eigene Routine dafür. Doch noch immer wird Masturbation im Aufklärungsunterricht kaum bis gar nicht thematisiert, weshalb es zu einem schambehafteten, heimlichen Akt wird. Umso wichtiger ist es, sich selbst auf Erkundungstour zu begeben. Zur menschlichen Sexualität gehört nämlich auch und vielfach sogar zuallererst Masturbation. Und die probieren junge Männer statistisch gesehen häufiger aus, bevor sie zum ersten Mal Partner*innensex haben, als es bei Frauen der Fall ist. Auch hier zeigt sich unser männliches Verständnis von Sex und Orgasmus: als etwas, das Mann gibt und Frau bekommt. Dabei ist Selbstbefriedigung eine sexuelle Praxis, die unabhängig zum Sex mit Partner*innen zu verstehen ist. Dass Menschen in Beziehungen weniger Masturbieren ist ein Märchen. Doch daher rührt auch das Verständnis, wir würden aus einem Mangel und Einsamkeit heraus masturbieren, was wiederum an Scham geknüpft ist. Seinen Körper selbstständig zu erkunden ist deshalb nicht nur natürlich, sondern ein Bruch mit alten, heteronormativen Rollenbildern.

 

Weil Druckabbau gut tut

Es ist so einfach und doch wissen das viele nicht: Masturbation entspannt. Wir schlafen besser und können besser Druck oder Stress abbauen, was wir gerade in Zeiten wie diesen gut gebrauchen können. Durch die Erregung verspüren wir Glücksgefühle und eine Art Rauschzustand. Das kommt von den Hormonen Dopamin und Oxytocin, welche ausgeschüttet werden und das Gefühl von Zufriedenheit nach der Selbstbefriedigung auslösen. Außerdem stärkt man dadurch gleichzeitig seinen Beckenboden.

 

Weil der Orgasm Gap längst Geschichte sein sollte

Obwohl wir jetzt wissen, dass Masturbieren und Partner*innensex zwei Paar Schuhe sind, muss dennoch der Orgasm Gap erwähnt werden. Statistiken bestätigen, dass Frauen in heterosexuellen Konstellationen deutlich seltener einen Orgasmus erleben als Männer. Bei lesbischen Paaren sieht das anders aus. Das liegt auch an unserem Verständnis von Sex, dass am Höhepunkt des (hetero)sexuellen Aktes ein Orgasmus sein muss. Bei Frauen verläuft Erregung aber nicht immer so linear ab, wie bei Männern. Die Erregung steigt und flacht auch immer wieder ab, wobei der Orgasmus nicht der Höhepunkt sein muss. Dazu kommt noch der heutige Leistungsdruck, immer gut performen zu müssen. Kein Orgasmus bedeutet für viele eine Niederlage, was zusätzlich den Druck erhöht. Außerdem wird Heterosex gerade in Pornos und Mainstream-Filmen als penetrativer, vaginaler Sex dargestellt. Klitorale Stimulation ist dabei meist nur auf das sogenannte Vorspiel reduziert und wird nicht als Teil des sexuellen Aktes gewertet. Wenn Frauen (in Heterokonstellationen) also kaum oder gar nicht zu einem Orgasmus kommen, müssen einerseits Geschlechterverhältnisse hinterfragt werden und andererseits sollten Frauen ihren Höhepunkt wohl selbst in die Hand nehmen. Für seinen Orgasmus selbst verantwortlich zu sein bedeutet auch Unabhängigkeit, es sich jederzeit und überall ohne Partner*in zu machen und sich um sich selbst zu kümmern.

 

Weil es sogar gegen Regelschmerzen hilft

Die Endorphine, die beim Masturbieren freigesetzt werden, wirken außerdem wie ein natürliches Schmerzmittel. Deswegen kann es auch für viele Frauen bei Menstruationsbeschwerden Erleichterung verschaffen. Natürlich sollten anhaltende Beschwerden ärztlich abgecheckt werden, aber in gesundem menstruierendem Zustand können Orgasmen den verkrampften Unterleib lockern und zumindest zwischenzeitig für Linderung sorgen. Außerdem kann man dadurch zugleich mit dem weit verbreiteten Bild aufräumen, dass Selbstbefriedigung während der Periode etwas Unhygienisches ist. 

 

Einen weiteren Schritt für die Enttabuisierung der weiblichen Sexualität kannst du tun, indem du einen Vulva-Abdruck machst und so die Schönheit deiner Vagina feierst! Hier findest du noch mehr Gründe, wieso du einen Abdruck machen lassen solltest.