Repräsentation in der Musik- und Festivallandschaft ist ein Thema, das seit einigen Jahren immer stärker in den Fokus der Öffentlichkeit rückt. Am 7. Juli 2023 findet mit dem Sisters Festival sogar ein Musikevent in Wien statt, das sich ganz explizit diesem Thema annimmt. Auf der Bühne treten dabei ausschließlich all-female- und female-fronted-Acts auf und auch die lokale Crew ist weiblich. Doch was macht Repräsentation auf und hinter der Musikbühne so wichtig? – Darüber haben wir mit dem Wiener Musikact Elektra gesprochen.

 

Das Schaffen eines Safe Spaces

Ein Schlagwort, welches in der Diskussion um mehr Repräsentation immer wieder aufkommt, ist das eines Safe Spaces. Doch was ist darunter eigentlich zu verstehen? Wir haben den Wiener Musikact Elektra nach der eigenen, persönlichen Definition des Begriffs gefragt. Elektra bezeichnet sich selbst als nicht-binär, macht als Musiker*in Elektropop, schreibt, produziert, performt und vermarktet diesen ganz allein. Dabei lässt Elektra persönliche Erfahrungen aus der eigenen queeren Lebensrealität in die Musik einfließen.

Elektra definiert sich weder ausschließlich als männlich noch als weiblich (nicht-binär). Deshalb haben wir in diesem Text genderneutrale Formulierungen und Schreibweisen verwendet.

 

(c) Elektra 

Es habe jedoch einige Zeit sowie einen sicheren Rahmen gebraucht, um die eigene Kunst und Identität ohne Abstriche selbstbewusst auf eine Bühne zu bringen, erzählt uns Elektra im Interview. So war ein Auftritt auf einer Protestkundgebung zu LGBTQIA+-Rechten in Ungarn ein prägender Moment für Elektra. Denn erstmals fühlte Elektra sich wohl damit, ausschließlich die eigenen Songs auf einer Bühne zu performen – was nicht zuletzt dem Anlass und dem Publikum an diesem Tag geschuldet war.

Für Elektra fange ein Safe Space allerdings schon weit vor dem Betreten einer Bühne an: „Er beginnt eigentlich schon zu Hause oder im Studio, wenn du dir Gedanken machst, was oder für wen spiele ich. Da beginnt das eben schon, wenn man sich einschränken muss oder sagen kann, ich kann so auftreten wie ich‘s mir gedacht habe.“ Auch schon einfache Aspekte wie die Sprache zeichnen für Elektra einen Safe Space aus. Demnach stelle allein schon das Fragen nach Pronomen einen Bestandteil dessen dar sowie das Verständnis dafür, dass man vielleicht nicht sofort klare Antworten auf alles kennt.

 

„Du brauchst einfach Plätze, wo du mal durchatmen kannst.“

 

In Bezug auf Projekte wie das Sisters Festival, die einen Safe Space für FLINTA* – das sind Frauen, Lesben, inter* Personen, nicht-binäre Personen, trans Personen und agender Personen – schaffen wollen, wird häufig der Einwand genannt: Warum braucht es so etwas überhaupt? Wird durch solche Ansätze nicht auch wieder eine Art der Exklusion geschaffen?

Dem entgegnet Elektra: „Leute, die nicht Teil dieser Community sind und nicht diesen Blickwinkel haben, machen das oft vielleicht gar nicht boshaft, reden das runter. […] Sie verstehen nicht, wie powerful das ist. Da geht’s nicht darum, dass wir uns isolieren wollen. Man ist einfach in einer heteronormativen Welt die ganze Zeit. […] Du brauchst einfach Plätze, wo du mal durchatmen kannst.“ Entscheidend sei dabei, dass man im Zusammensein mit Menschen, die ähnliche Erfahrungen wie man selbst gemacht haben, sich nicht mehr so allein fühle.

Und mit welchen ärgerlichen Dingen schlägt man sich als FLINTA* in einer solchen heteronormativen Welt herum? Auch das war ein Thema im Laufe unseres Gesprächs. So sah Elektra sich im Zuge von Auftritten gelegentlich mit Kommentaren konfrontiert, die das eigene Können in Frage stellen: „Wo ist die Band?“, „Wo sind deine Begleitmänner?“ […] „Wer produziert das?“, „Bei welchem Produzenten warst du?“, habe ich mir auch schon oft anhören können.“

Ein ähnliches Bild zeigt sich, wenn man den Erfahrungen der Sisters Of Music – das ist das FLINTA*-Netzwerk, welches hinter dem Sisters Festival steht – ein Gehör schenkt. So erzählen Hauptinitiatorin Karin Tonsern und Mitglied Conni Ettinger etwa im Interview mit mica – music austria von den negativen Erlebnissen hinter der Bühne. Demnach sei es auch als weiblicher Techniker schwieriger, ernstgenommen zu werden und man habe mit Dingen zu kämpfen, die männliche Kollegen überhaupt nicht bedenken müssen.

 

Vorbildwirkung und Empowerment

 

Ein Aspekt, der für das Sisters Festival, aber auch FLINTA*-Repräsentation im Allgemeinen stets von großer Bedeutung ist, besteht im (Female) Empowerment. Wir wollten wissen, was Elektra darin bestärkt hat, den Schritt auf eine Bühne mit der eigenen Musik zu wagen. Elektra erzählt uns, dass etwa Lady Gaga schon seit der Jugendzeit ein großes Vorbild gewesen sei. Mit dem Song „Born This Way“ hat diese ja schon im Jahr 2011 ganz explizit eine Hymne für die LGBTQIA+-Community geschaffen.

 

„Da fühlt man sich einfach verstanden, da fühlt man sich aufgehoben und das wäre das Schönste für mich, wenn genau das (mit meiner Musik) passiert.“

 

Elektra erinnere sich aber auch an den allerersten Kontakt mit einem Song, in dem ein Mann seine Liebe zu einem anderen Mann besingt und daran, wie wichtig diese Erfahrung war: „Da fühlt man sich einfach verstanden, da fühlt man sich aufgehoben und das wäre das Schönste für mich, wenn genau das (mit meiner Musik) passiert.“ Wenn also allein schon das Besingen einer gleichgeschlechtlichen Liebe einen derartigen Effekt auf eine Person hat, kann man sich vielleicht besser ausmalen, wie bestärkend das Ganze in einem großen Livemusik-Kontext erst sein mag – Musiker*innen auf einer Festivalbühne zu erleben, welche die gleichen Erfahrungen schildern und dafür von einem riesigen Publikum gefeiert werden.

 

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