Im Herbst 2015 entwickelte die israelische Regisseurin Yael Ronen mit ihrem Ensemble die Komödie Lost and Found, die mit dem Nestroy-Autorenpreis als Bestes Stück ausgezeichnet wurde. Mehr als zwei Jahre später kommen die Mitwirkenden von damals wieder im Volkstheater zusammen und machen mit ihrem Fortsetzungsstück dort weiter, wo sie beim letzten Mal auseinander gegangen sind. Gutmenschen hat am 11. Februar Premiere und dreht sich nicht nur um die Asylpolitik in Österreich, sondern auch um die Thematik von menschlichen Beziehungen und wie diese überhaupt funktionieren oder eben nicht funktionieren. Wir haben mit dem Theatermacher Paul Spittler über seinen vielschichtigen Werdegang, sein aktuelles Stück und die Zusammenarbeit mit Yael Ronen gesprochen. 

(c) Marion Ramell, goodnight.at

 

Du hast ja für Gutmenschen mit der Regisseurin Yael Ronen zusammengearbeitet. Was war dabei die größte Herausforderung?

Yael steigt mit nichts in die Proben ein. Alles entsteht aus dem Prozess heraus. Es gab zuerst die Idee, sich inhaltlich über das "postfaktische Zeitalter" zu unterhalten. Danach folgte ein erstes Treffen mit den Schauspielern und der Dramaturgie in Berlin im November 2017 und da kam man dann darauf, dass man gerne eine Fortsetzung zu Yaels Stück Lost and Found machen möchte. Die Proben mit Yael funktionieren immer so, dass man sich ganz oft an einem Tisch zusammensetzt und ganz viel redet und verschiedene Geschichten zusammensammelt, bis ein Theaterstück daraus entsteht.

 

Das heißt, ihr seid kurz vor der Premiere oft noch dabei, das Stück überhaupt fertig zu entwickeln?

Wir haben dann zum Beispiel noch kein Ende für das Stück. Wir wissen überhaupt nicht, wie das Ganze enden wird oder es kann sein, dass am Tag der Premiere erst die letzte Szene fertig steht. Das ist für das ganze Team natürlich sehr aufregend. Jeder wartet auf Ansagen und es ist auch wirklich schön, dass Yael sich da überhaupt nicht rausbringen lässt. Das ist das Theater. Das ist live. Man kann sie nicht zwingen, irgendwas zu schreiben, von dem sie noch nicht weiß, ob sie das tatsächlich machen möchte. Dafür muss man sehr offen und flexibel sein, aber es rattert bei einem die ganze Zeit. Wir sind alle Teil des Prozesses, dadurch lernt man als Teamworker zu arbeiten.

Wenn man einmal in die Situation kam, selber spielen zu dürfen, kann man sich einfach viel besser damit identifizieren und hinterfragt die Dinge nochmal ganz anders.

 

Wie hat dich die Zusammenarbeit mit Yael für deine eigenen Regiearbeiten inspiriert?

Das Wissen darüber, dass es Schauspielern manchmal um ganz andere Dinge geht, als einem Regisseur, der ja häufig nur von "außen" draufschaut und das Gesamtbild im Auge hat. Der Schauspieler versucht, seine Figur plausibel zu erzählen und ihm fallen in verschiedenen Situationen vielleicht ganz andere Dinge auf oder etwas fühlt sich für ihn unorganisch an. Das ist glaube ich für mich sehr gut, weil ich in Zukunft, wenn ich wieder Regie führe, sehr genau auf die Wortmeldungen und das Feedback der Darsteller hören werde. Wenn man einmal in die Situation kam, selber spielen zu dürfen, kann man sich einfach viel besser damit identifizieren und hinterfragt die Dinge nochmal ganz anders.

 

Du hast Theaterwissenschaft studiert, als Regieassistent, Regisseur und Schauspieler gearbeitet. Ist das das ultimative Gesamtpaket für einen Theaterschaffenden?

Es war ja nie von mir so geplant. Ich bin ein bisschen ein Spätzünder und habe nie eine Regieschule oder so besucht. Das hat sich alles bei mir so peu à peu entwickelt. Ich habe zuerst in Dresden Literatur- und Kulturwissenschaften studiert und dort im Staatsschauspiel angefangen, Hospitanzen und Assistenzen zu machen, dann meine eigene Theaterkompanie gegründet und da erstmalig Regie geführt. Das fand ich total spannend, wollte mich aber zu dem Zeitpunkt noch nicht festlegen. Ich bin dann nach Wien gekommen, um Theaterwissenschaft zu studieren und hab nebenbei in der Oper als Statist oder im brut als Produktionsassistent gearbeitet. Dann kam Anna Badora ans Volkstheater und es war mir nach meinem Bewerbungsgespräch bei ihr sofort klar, dass ich dorthin wollte. Für mich waren die drei Jahre hier wie eine klassische Ausbildung, die jetzt mit meiner eigenen Regiearbeit Extremophil  im Volx/Margareten (letzte Vorstellung am 10. März!) ihren Abschluss gefunden hat.

Wir wissen überhaupt nicht, wie das Ganze enden wird oder es kann sein, dass am Tag der Premiere erst die letzte Szene fertig steht.

 

Und wie bist du dann plötzlich vom Regisseur zum Schauspieler geworden?

Ich bin in die Produktion von Gutmenschen als Regieassistent eingestiegen. In Lost and Found und Gutmenschen gibt es eine Figur namens "Schnute" und für die haben wir einen Partner gebraucht. Dafür sollte zuerst auch ein Schauspieler engagiert werden aber aus irgendeinem Grund hat Yael Ronen dann gemeint „Ne, Paul, das machst du!" Das letzte Mal auf der Bühne stand ich im Jugendtheater-Club, also vor 15 Jahren oder so. Seither hatte ich mich aktiv dagegen entschieden, wieder zu spielen, weil ich eben hinter der Bühne bleiben wollte. Aber jetzt ist es eine ganz fantastische, spannende und lustige Aufgabe geworden, auf der Bühne zu performen.

 

Hattest du jemals klassischen Schauspielunterricht?

Nie! Es ist ja so, dass Yael wahnsinnig geduldig ist und ganz genau auf alles schaut und sehr gute Ansagen macht, damit man es als Schauspieler auf der Bühne sehr direkt umsetzen kann. Ich kenne eben die andere Seite, die der Regie, schon so lange. Wenn man als Regisseur unten vor der Bühne sitzt, denkt man sich manchmal: „Leute, warum kapiert ihrs denn nicht? Setzt doch einfach um, was ich sage!“ Und dann steht man plötzlich selbst da oben… Aber mit Yael funktioniert es wirklich sehr gut und das ganze Team hat mich sehr warmherzig aufgenommen auf der Bühne. Da denkt sich keiner: „Meh, da is der ohne Schauspielausbildung" oder so.

 

Was ist dein persönliches Lieblings-Theaterstück? Und warum? In einem Satz.

Uh! Das is aber eine fiese Frage… Ich glaube, Maria Stuart von Friedrich Schiller. Zum einen, weil mich Frauen im Theater einfach mehr interessieren, als Männer, zum anderen, weil durch die Un-/Abhängigkeit dieser beiden Frauen-Figuren von Männern wahnsinnig viel über unsere gegenwärtige Gesellschaft erzählt wird, obwohl das Stück über 200 Jahre alt ist.

Das ist die schönste Tätigkeit: das Publikum dabei zu beobachten, wie sie das Theater schauen.

 

Was ist dein Lieblingsplatz im Volkstheater?

Während der Vorstellungen, bei denen ich Abendregie führe, ist es die Direktionsloge, weil man da ganz für sich alleine ist und dem Stück zuschauen aber gleichzeitig auch das Publikum beobachten kann, wie es das Stück rezipiert. Das ist die schönste Tätigkeit: das Publikum dabei zu beobachten, wie es dem Stück folgt.

 

Vorschau-, Beitrags- und Headerbilder: (c) www.lupispuma.com, Volkstheater Wien, Gutmenschen, Regie: Yael Ronen

Dieser Artikel entstand in Zusammenarbeit mit dem Volkstheater.

 

Mehr Informationen zu Gutmenschen und Tickets dafür findest du hier.

 

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